Leseprobe

… Es ließ sich nicht vermeiden, dass wir während dieser Aktion auf den Höhlenboden absanken. Dabei wirbelten die Beginner mit ihren Flossen erneut Sediment auf und diesmal so viel, dass eine optische Orientierung nicht mehr möglich war.

Ich wusste nicht mehr, ob wir bei der nächsten Schwimmbewegung noch Richtung 19-Meter-Ausgang schwammen oder zurück Richtung 11-Meter-Eingang. An der Höhlenwand, die ich als erste fand, tastete ich mich konsequent ohne weitere Richtungsänderung entlang.

Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was meine Beginner dachten. Aber es war klar, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch keiner auf die Idee gekommen war, ihr Tauchlehrer würde den Weg zum Ausgang nicht kennen beziehungsweise nicht finden. Denn ihre Atemfrequenz war erstaunlicherweise noch normal.

Aber etwas anderes war noch klarer: Würde der erste von den Dreien die Reservestange ziehen und ich danach innerhalb der folgenden ein, zwei Minuten nicht zielsicher zu einem der beiden Ausgänge schwimmen, würden sie wissen, dass ich den Ausgang suchte, aber nicht finden konnte. Dann hätten sie nicht mehr normal geatmet, sondern „gepumpt wie die Maikäfer“ und ihre Flaschen innerhalb ganz kurzer Zeit leer geatmet. Wir hätten dann zu viert unter Wechselatmung aus meiner Flasche atmen müssen.

Ein Ding der Unmöglichkeit.

Bei der Wechselatmung muss man das Mundstück dem Partner reichen. Der muss zuerst das dabei eingedrungene Wasser aus dem Mundstück herausblasen, kann dann ein oder zwei Atemzüge nehmen und muss die eingeatmete Luft anhalten, bevor er das Mundstück wieder zurückreicht.

Wenn einer von zwei Beteiligten eine beginnende Panik hat, muss der andere sich mit einem Atemzug zufrieden geben und dem Schwächeren fünf oder sechs Atemzüge hintereinander ermöglichen. Zu dritt nur theoretisch vielleicht noch möglich. Zu viert nicht machbar. Sie hätten mir mein Mundstück nicht mehr zurückgegeben.

Somit war klar: Wenn der Erste die Reservestange zieht, ertrinke ich spätestens vier Minuten später gemeinsam mit den Dreien.

Ebenfalls klar war: Wenn ich die Drei im Stich gelassen hätte, hätte ich mit hundertprozentiger Sicherheit überlebt, denn ich hatte eine Doppel-7-Liter-Flasche auf dem Rücken – 14 statt 10 Liter Innenvolumen – und mein Luftverbrauch war deutlich geringer als der der Beginner. Ich hätte noch für mindestens 40 Minuten Luft gehabt.

Jetzt könnte ich behaupten, ich hätte aus heldenhaftem Edelmut heraus diesen verführerischen, aber gleichzeitig auch sehr bösen Gedanken nicht in die Tat umgesetzt.

Dem war nicht so.

Mein Gedanke war: Wenn Du die jetzt alleinlässt und damit dem sicheren Tod auslieferst, wirst Du Dein ganzes restliches Leben lang schlimmste Gewissensbisse und Alpträume haben und jedes Mal, wenn Du beim Rasieren in den Spiegel schaust, wirst Du Dich fast übergeben müssen. Und das kannst Du abhaken.     

Insofern war es fast nur oder ausschließlich reiner Egoismus, der mich bewogen hat, bei meiner Mannschaft zu bleiben. Damals war ich kein Christ und gebetet habe ich auch nicht…

   19.  Mit einer Harpune ernsthaft bedroht

Ich hingegen vertraute bei einer anderen Konfrontation auf das Versprechen eines Harpunettis und überreagierte, als er es brach, was mich fast das Leben kostete.

Meinen geliebten Wilfriedfelsen mit den Barrakudas hielt ich, so gut es ging, geheim. Ich fuhr nur dann dorthin, wenn weit und breit kein Boot mit Harpunettis zu sehen war.

Eines Tages bemerkte ich nach Beendigung unseres Tauchgangs in größerer Entfernung ein Boot, von dem aus wir offensichtlich beobachtet wurden. Nun bestand die Gefahr, dass die genaue Lage des Wilfriedfelsens nicht länger mein Geheimnis bleiben würde.

Mit Hilfe einer gedachten geraden Linie vom beobachtenden Boot aus über unser vor Anker liegendes Taucherboot hinweg in Richtung zweier hintereinander liegender Landmarken und unter gleichzeitigem Einsatz eines Echolotes ließ sich der Wilfriedfelsen von einem Profi mit relativ geringem Zeitaufwand erstmalig finden. Und mittels einer anschließend durchgeführten Kreuzpeilung würde man ihn zukünftig auch ohne Echolot zuverlässig und schnell immer wieder finden.

Wie sich etwa dreißig Minuten später herausstellen sollte, war der Bootsführer einer der vier einheimischen professionellen Harpunettis, von denen ich wusste, dass sie, jeder einzeln für sich, die ganze Saison über die attraktivsten Tauchplätze der gesamten Insel systematisch „abgrasten“.

Ich glaubte, sein Boot etwa drei Wochen zuvor an anderer Stelle schon einmal gesehen zu haben. Es war eines dieser hochmodernen, riesig großen und stark motorisierten Schlauchboote. Und es war offensichtlich nagelneu.

Ich brachte meine Tauchgäste zurück an Land und fuhr danach zurück in Richtung Wilfriedfelsen. Mein Gegner war, wie befürchtet, sehr schnell gewesen und hatte die genaue Lage des Wilfriedfelsens bereits gefunden, hatte dort geankert und machte seine ersten Abstiege.  

Ich näherte mich langsam und sprach ihn an, als er wieder einmal auftauchte.

Ich erklärte, dass mir der Felsen sehr wichtig sei, und machte einen Vorschlag: Er könne in meinen übrigen Tauchgebieten, wenn er es auch zukünftig nicht übertreiben würde, von mir ungestört seinem „Tagwerk“ weiterhin nachgehen, dürfe aber im Gegenzug den Wilfriedfelsen in Zukunft nicht mehr anfahren. Er war einverstanden, gab mir sein Wort und verließ das Gebiet.

Etwa zwei Wochen später sah ich sein Boot erneut am Wilfriedfelsen. In mir stieg Zorn auf. Ich war zu dem Zeitpunkt schon fünf, sechs Jahre lang Christ, aber da kam der „alte“ Bernd durch. Der Harpunetti hatte einen Begleiter. Ich erinnerte den Harpunetti an seine Zusage und sein Wort. Er wurde pampig und forderte mich mit Beschimpfungen auf, zu verschwinden.

Da brannten bei mir die Sicherungen durch. Ich drehte einen größeren Halbkreis – mein Boot und mein Motor waren für schnelle Manöver auf engem Raum nicht ausgelegt – und nahm direkten Kurs auf das Schlauchboot. Ich war entschlossen, es mit meinem harten Aluminiumkiel mittig auf seiner Breitseite zu rammen. Den Motor wollte ich nicht treffen, das wäre zu teuer geworden, aber an der nagelneuen Bootswand wollte ich eine möglichst hässliche und dauerhafte Schramme verursachen, denn ich wusste, dass für einen Menschen wie ihn ein makelloses, nagelneues Boot ganz wichtig war, um damit angeben zu können.

Er erkannte, was ich vorhatte, und reagierte blitzschnell. So schnell er konnte, zog er den Anker hoch und sein Begleiter warf den Außenborder an. Aber ich erwischte ihn und rammte sein Boot mit voller Wucht. Es war lustig anzusehen, wie beide durch die Wucht des Aufpralls von den Füßen gerissen wurden und für einen Augenblick vergeblich versuchten, die Balance wiederzufinden. Aber das innere Schmunzeln sollte mir schnell vergehen. Der Harpunetti eilte blitzschnell zum Steuerstand, vollzog innerhalb von Sekunden einen engen Halbkreis und stand mit seinem Körper meinem Körper auf eine Distanz von knapp vier Metern frontal gegenüber. Er griff die Harpune, spannte sie und zielte auf meinen Oberkörper. In seinen Augen flackerte nackter Hass. Sein Begleiter flehte ihn an: „Tu es nicht. Tu es nicht. Bitte, bitte, tu es nicht.“ Ich erinnere mich noch recht genau an das, was ich in diesen Sekunden dachte. Ich wusste, dass er mich treffen würde. Die Distanz war zu kurz. Ausweichen zwecklos. Ich war nicht in Panik. Ich betete nicht. Ich dachte nur: „So ist das also. So sieht Dein Ende aus.“ …

Anmerkung: aus technischen Gründen weicht die Schriftgröße in dieser Leseprobe von der Schriftgröße im Buch ab.